2. Lichtenberger Inklusionswoche – gemeinsam (er)leben   –  9.3. - 19.3.2016

Inklusion in Gymnasien – möglich oder unmöglich? – 

stand am 16. März zur Debatte. Der Schulleiter des Barnim-Gymnasiums, Herr Schmidt-Ihnen,  hatte eingeladen, diese Problematik näher zu beleuchten und zu diskutieren:

Man traf sich zu 12:00 Uhr, in der Aula, freundlichst hingeleitet von Schülern des Gymnasiums. Auf der Bühne präsentierte sich als erstes die neue Rap-AG-Band von Herrn Karau (Referendar), zu der neben dem jungen Herrn Scheidt (Bundesfreiwilligenjahr) Célina und Felix aus der 9a gehören.

Felix blieb gleich in der sich anschließenden Stuhlkreisrunde sitzen, zu der sich noch zwei Rollis gesellten: Monique aus der 9c und Hannah aus der 11. Klasse. Hinzu kam noch die sehbehinderte Sarah aus der 8g.

Da saßen vier so lebensbejahende Schüler/innen und ließen sich interviewen von ihrem Schulleiter, berichteten von den An- und den Unannehmlichkeiten ihres speziellen Schulalltags: ja, sie gingen sehr gern auf diese Schule, obwohl sie immer noch technische Macken habe und das trotz der nahezu perfekten Ausstattung für Menschen im Rollstuhl. Doch hervorragend sei die Betreuung durch die Schulhelfer/innen, die Sonderpädagoginnen und die Lehrer/innen und das Engagement ihrer Mitschüler, fügten sie unisono hinzu. Man müsse flexibel und spontan bleiben und sich immer wieder neu organisieren und an die Situationen anpassen, meinte Felix. Nicht nur die komplett versammelte Klasse 9c lauschte ihren Worten in puncto Gegenwart und Zukunft: Ich wechsle ins Oberlinhaus, weil ich dort die Möglichkeit habe, verschiedene Berufsfelder auszutesten, und außerdem kann ich meine Eltern entlasten, teilte Hannah mit. Hut ab Jungs und Mädchen!, applaudierten die Anwesenden.

Anwesend war – neben dem Schulrat für Gymnasien in Lichtenberg, Herrn Holger Schmidt, und der Schulleiterin der Feldmark-Grundschule, Frau Stefanie Schmiereck – auch die  Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur, Soziales und Sport, Frau Kerstin Beurich. Sie würdigte die kontinuierliche Initiative Herrn Schmidt-Ihnens und bedankte sich bei ihm: Inklusion müsse gelebt werden und das funktioniere am Barnim-Gymnasium offensichtlich, obwohl es weder Sonderschule noch Förderzentrum sei!  

Der Schulleiter seinerseits wies auf die gute Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt hin, denn ohne diese – in Verantwortung der Bürgermeisterin, Frau Monteiro – wäre die Inklusionswoche nicht ermöglicht worden. Er merkte an, dass sich hinter dem Begriff Inklusion mittlerweile am Barnim-Gymnasium etliche Bereiche verbergen würden, nämlich der für die Menschen mit Handicap, der der Begabtenförderung und der der Geflüchteten in Form von Willkommensklassen. Nicht zu vergessen sei der seit Jahren hohe Anteil von Schüler/innen vietnamesischer Herkunft, der ihn letzten Sonntag einen Vortrag im Don Xuan Center halten ließ, primär gedacht für vietnamesische Eltern. Das Thema Inklusion sei kein rhetorisches mehr: In einer zukunftsorientierten Schule ist es normal, verschieden zu sein. Damit die vielfältigen Aufgaben gelängen, brauche es Stützsysteme: räumliche, schulorganisatorische und personelle. Alle drei müssten immer wieder kreiert werden, obwohl das Schulgebäude schon als barrierefreies konzipiert worden sei. Die räumlichen Bedingungen müssten entsprechend gepflegt werden, die schulorganisatorischen angeregt – hier seien der Förderverein und die Sponsoren zu loben – und die personellen, die ein hohes Maß an Flexibilität und Zusammenarbeit mit anderen Institutionen erforderten.

Herr Holzfuß von der Berliner Sparkasse fand nicht nur unterstützende Worte, sondern überreichte auch 1000 Euro. Das Barnim-Gymnasium ist dankbar, was auf Gegenseitigkeit beruhe: Wir leben in einem Bezirk und arbeiteten für die Menschen in unserer Umgebung!

Die anfängliche Runde wurde erweitert durch die Inklusionsbeauftragte des Barnim-Gymnasiums, Frau Pupke, die Sonderpädagogin von der Carl-von-Linné-Schule, Frau Krupa, und drei Schulhelfer/innen mit unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen – Frau Krüger, Frau Casper, Herr Bartels – und die Klassenlehrerin der 9c, Frau Fricke. Sie alle berichteten von den Gegebenheiten und ihren Erfahrungen:                                         

 

15 Jahre Teamwork mit der Carl-von-Linné-Schule für Körperbehinderte trügen Früchte, so Frau Pupke, eigentlich Lehrerin für Geschichte/Politik/Deutsch: die persönliche Betroffenheit und das ungeheure Engagement der kompletten Barnimer Schulgesellschaft spiele dabei eine herausragende Rolle. Man habe sich in Lichtenberg ein Netzwerk aufgebaut, das sehr gut funktioniere, fügte Frau Krupa, eigentlich Lehrerin für Englisch/Deutsch, hinzu. Zurzeit kümmerten sich die Schulhelfer um 25 Schüler/innen mit festgestelltem Förderbedarf sowie 19 mit anerkannter LRS, davon eine aus England stammende Ergotherapeutin und ein Herr aus Kasachstan. Frau Casper sprach über die erfolgreiche Betreuung ihres Schützlings, behaftet mit einer Autismus-Spektrum-Störung, der kurz vor dem Abitur steht. Herr Bartels charakterisierte die Funktion des Schulhelfers als unsichtbare, kompensierende Hilfe, Frau Krüger bezeichnete sich als Hand des Schülers, die durch Zuhören und Eingehen auf die Bedürfnisse gesteuert werden würde. Frau Fricke meinte, dass Monique als Bereicherung empfunden würde, wie eine Art Klebstoff, der den Zusammenhalt garantiere. Die Augen einiger Schüler/innen aus der Klasse 9c und die allgemein aufmerksame Stille sprachen Bände: Ja, Monique ist eine von uns!

 Dann wechselte man in eine der Turnhallen des Gymnasiums, geleitet von zwei Abiturienten. Hier wurden die Initiatoren und die Gäste der Veranstaltung von Herrn Josepeit, Lehrer für Sport und Erdkunde, einem Leiter von Rollstuhlbasketball bei Pfeffersport e.V., Herrn Pisarz, und natürlich vielen Schüler/innen empfangen: Rolli goes school. Die Gelegenheit, sich im Rollstuhl zu bewegen, wurde von etlichen Anwesenden genutzt. Gar nicht so einfach, wurde anschließend konstatiert.

Zur 1. Inklusionswoche sei man gemeinsam mit dem Pilotprojekt Rollisport bewegt Schule gestartet, so der Rollstuhlfahrer Herr Pisarz in seiner anschließenden Email: Seitdem kommen wir zum Schuljahresstart ins Barnim-Gymnasium, um das Schulprojekt mit den neuen 7. Klassen auf der Ebene des Perspektivwechsels durchzuführen. Die Kooperation mit dem Barnim-Gymnasium weitete sich bereits über den Lehrerstudientag aus und wurde zu einer festen beruflichen Freundschaft. Herr Schmidt-Ihnen als auch Herr Josepeit sind unsere Ansprechpartner. Mit einem weiteren Kooperationsverein vom Pfeffersport, dem Institut für kreative Nachhaltigkeit "id 22“, konnte das Schulprojekt aus dem geschützten Raum "Sporthalle" in die Realität gesetzt werden. An bereits zwei Wandertagen der Schule konnten wir mit Rollstühlen, Blindenstöcken, Rollatoren u.Ä. die Stadt (Rund um das Spreeufer in Mitte) mit den SchülerInnen des Barnim-Gymnasiums (7. Klasse) unsicher machen. Wie auch im Schulprojekt wurde hierbei die Thematik der Inklusion, der Barrieren im Alltag und die Frage erörtert, wie barrierefrei die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland wirklich ist.

Die Runde in der gemütlichen Caféteria stand natürlich auch im Zeichen dessen, ob Inklusion an Gymnasien möglich sei. Bei Kaffee und Schnittchen – vorbereitet u. a. von einer 6. Klasse – kam man ins Gespräch. Herr Grenner von der Division for EU and International Affairs bei der Senatsabteilung für Stadtentwicklung und Umwelt in Berlin äußerte sich genauso bejahend wie Herr Dr. Meißner von der Abteilung Schule und Bildung beim Regierungspräsidium Tübingen: Natürlich ist Inklusion am Gymnasium möglich. Eigentlich ist sie nur eine besondere Form des Umgangs mit der Vielfalt von Menschen. Der Referendarskollege, der das Rap-Projekt ins Leben gerufen hat, hat es so schön gezeigt: Nachhaltige Bildungsprozesse beginnen da, wo Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler mit ihren Möglichkeiten, Wünschen und Grenzen erkennen und Settings schaffen, in denen sie zusammen mit anderen ihre Lernziele verfolgen können. Solange zielgleich gelernt werden kann, sehe ich für die Inklusion am Gymnasium kaum Grenzen.

Am Barnim-Gymnasium haben Sie gegenüber unseren Gymnasien in Baden-Württemberg einen wesentlichen Vorsprung: Weil Sie früher aufgebrochen sind, gibt es bei Ihnen mehr Menschen, die in die Begleitung von Inklusionsschülern verwickelt sind. Wenn mehr Leute Bescheid wissen und ansprechbar sind, müssen Lehrerinnen und Lehrer in der Begleitung von Inklusionsschülern weniger Einzelkämpfer sein und können Ängste hinter sich lassen. Da macht die Praxis am Barnim-Gymnasium Mut. Ich freue mich, dass wir angefangen haben  mit Gewinn aufeinander zu schauen, welche Wege schulischer Inklusion wir gehen, Sie im Nordosten und wir im Südwesten der Bundesrepublik (nachträgliche Email vom 21. März).

Frau Kirsch, zuständig für Bildungs-, Wissenschafts-, Jugend- und Kulturpolitik in der Abteilung Programm und Strategie bei der CDU schrieb zwei Tage später in einer Email:  

Die Idee, am Gymnasium über die Gelingensbedingungen von Inklusion zu informieren, halte ich für unerlässlich. Es gibt noch viel zu viele Politiker (gerade in meinen Reihen), aber auch (betroffene) Eltern und Lehrer, die tatsächlich glauben, dass Inklusion und Gymnasium nicht zusammengehen. Daher: eine solche Veranstaltung muss sein. Auch wenn nicht so viel politische Prominenz dabei war wie gewünscht – da braucht es einen langen Atem.[…]

Die Rap-Gruppe war als Einstieg ausgezeichnet, auch die souveräne Art, wie der junge Kollege mit den kleinen Unstimmigkeiten umging, fand ich sehr beeindruckend. Grundsätzlich kommen m.E. jegliche Art musischer und künstlerischer Aufführungen von behinderten und nicht-behinderten Schülern sehr gut an, weil sie zeigen, wie Zusammenarbeit funktionieren kann. […]

Das von Herrn Holzfuß verfasste Feedback soll am Ende der kleinen Dokumentation zur Veranstaltung am 16. März stehen: […]Ich fand es sehr gelungen, wie mir Einblick gewährt wurde in den Schulalltag: in die Besonderheit des Alltäglichen, der deswegen besonders ist, weil seine Alltäglichkeit in seiner Besonderheit eine Selbstverständlichkeit hat; die Achtsamkeit, die Selbstverständlichkeit geworden ist und meinem Blick bisher nicht so selbstverständlich war. Die Berichte und Leistungen der Schüler haben mich beeindruckt. Besonderen Spaß hatte ich beim Rolli-Fahren – auf Dauer war das […]anstrengend. Ich war ganz schön eingeschränkt, das hat meinen Spaß aber überhaupt nicht gemindert! Toll fand ich auch die Offenheit und Bereitschaft aller, sich mitzuteilen und auszutauschen. Vielen Dank für die tollen Eindrücke, die ich mitnehmen durfte. Und das Motto seiner anfänglich kurzen Rede soll an dieser Stelle als Fazit aufgenommen werden:

Bin ich anders? Ja, in Vielfalt vereint!

I.A.M.W. (die Fotos wurden freundlicherweise von Ruthe Zuntz zur Verfügung gestellt)

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