Nichts – von Bedeutung, 

die Inszenierung eines 11er-DS-Kurses am Barnim-Gymnasium? Nicht doch!

Gibt es wirklich ‚Nichts – was im Leben wichtig ist‘?, assoziiert die Autorin Janne Teller mit ihrem ungewöhnlichen, hoch umstrittenen Roman. Harter Tobak, meinte auch der DS-Kurs, wagte sich trotzdem an den Stoff: diskutierte ihn, tastete sich heran an das Experiment, fand seinen Text, seine Form von Umsetzung und Darstellung. Worum geht es also in seiner Inszenierung?

Eines Tages steht Pierre Anthon auf und verlässt mit dem Satz ‚Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich auch nicht, irgendetwas zu tun‘ die Schule. Er setzt sich auf einen Pflaumenbaum und ruft seinen Klassenkameraden ständig scheinbar kluge Sprüche zu und bewirft sie mit Pflaumen. Mit seinen Weisheiten nimmt er den Mitschülern die Lust am Leben, und sie wollen ihm beweisen, dass es durchaus Dinge von Bedeutung gibt, allerdings verlieren sie sich dabei fast selbst, so steht es im Programm. Aha?! Dann zeigt mal, was aus eurer Beweisführung geworden ist, inwieweit Ihr den Stoff begriffen und umgesetzt habt!

Sie schlüpfen in – auf der Bühne avisierte – Rollen, gleich paarweise. Sie attackieren den nihilistischen Charakter Pierre Anthon auf seinem Pflaumenbaum, der sie mit seinen Sprüchen überhäuft: Alles ist egal, denn alles fängt nur an, um aufzuhören. In demselben Moment, in dem ihr geboren werdet, fangt ihr an zu sterben. Und so ist das mit allem. Sie überlegen, wie sie ihn da runterholen, von seiner erhabenen Position, der Position eines lebendig Toten. Denn sie fühlen sich betroffen. Die Sprüche wirken, sie infiltrieren, sie animieren zu Widerstand; am Ende zu Hass und Gewalt.

Spätestens nach dem Spruch: Wenn nichts etwas bedeutet, ist es besser, nichts zu tun, als etwas zu tun, sind sie herausgefordert. Sie werden ihm schon klarmachen, dass das nicht stimmt und sie kreieren den Berg der Bedeutung, zu dem sie ihre ‚Opfer‘ bringen: eine hübsch teure Tasche, eine nostalgische Kinderbürste, ein besonderes Puzzleteil, eine einmalig gefälschte Autogrammkarte, das lebenswichtige Handy oder gar Opas Urne mit Inhalt etc. Anrührende Erinnerungen, aber bedeuten sie den Protagonisten wirklich etwas, worauf sie nicht verzichten könnten? Und der Pflaumenbaum-Erhabene spricht es auch noch aus: Alles ist egal. Es gibt nichts, was irgendetwas bedeutet. Auch nicht euer Haufen Gerümpel. Das alles hat nur eine bedeutungslose Bedeutung. Nichts davon geht an ihre Substanz. Und sein Gift wirkt, der Stachel gegenseitigen Hasses ist gesetzt, die Bewältigung der anscheinend suggerierten Leere nimmt ihren Lauf und eskaliert. ‚Echte Opfer‘ werden erbracht, Opfer, die die Persönlichkeit aushebeln, sie verändern oder gar vernichten: der süße Hamster und die langen blauen Haare, der Kopf des treuen Hundes Kevin, die Unschuld eines Mädchens, der Finger des Klavierspielers…

Doch stopp! Bis hierher und nicht weiter, sagte sich und damit uns der DS-Kurs. Das stimmt ja alles so nicht. Wir unterliegen Pierre Anthon nicht, diesem verführerischen Untoten aus der Janne-Teller-Story mit seiner fatalistischen Erkenntnis: Wenn sterben so leicht ist, dann deshalb, weil der Tod keine Bedeutung hat, dann deshalb, weil das Leben keine Bedeutung hat […]. Oh doch, das Leben hat eine Bedeutung für die, die die kleinen Dinge des Lebens in ihrem Wert erkennen; für die, die den Sinn des Lebens im Alltäglichen begreifen; für die, die ganz lebendig das Leben genießen können. Am liebsten hätten sie ihm wohl zugerufen: Verpiss dich, du Monster! Aber das hätte das Niveau der lehrreichen Aufführung sicherlich gesprengt.

Ja, ein harter Tobak, den sie sich mühevoll erarbeitet haben – die Schüler/innen des DS-Kurses und ihre Stückbegleiterin – wie eine der Protagonisten des Stückes resümierend zu Blog gibt. Doch mit sichtbarem Erfolg und einer finalen Botschaft an uns alle: Denn alles in unserem Leben hat eine Bedeutung, das ist so und muss nicht bewiesen werden. Es geht nämlich darum, sein Leben zu leben und Freude an allem zu haben, was man tut. Hütet euch also vor den Pierre Anthons dieser Welt!

Maggie Werner, 1. Juli 2016

    

 

 

 

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