Die Amazonen – Wozu ein Mann nützlich ist.

Eine Rezension von Maggie Werner

Sie sind stark – ja, sehr!, die Protagonist/innen dieses Theaterstückes! Sie sind Kriegerinnen, sie sind Amazonen – nein, sind sie nicht! Sie sind engagierte Darsteller/innen in einem DS-Kurs mit hoch gesteckten Ambitionen. Sie haben sich offensichtlich mit der griechischen Mythologie beschäftigt: sie analysiert und interpretiert, exzerpiert und reduziert, verfremdet und benutzt – für ihre Zwecke, ihr Konzept, ihre Story, ihre Ansichten zu Krieg und Frieden.

Als ihre Königin Penthesilea in den Krieg zieht, sind die Amazonen in ihrem Reich auf sich allein gestellt. Einzig und allein die Hoffnung auf Kriegsgefangene und die damit verbundene Sicherung der Fortpflanzung lässt sie die harten Zeiten überstehen. Doch als Penthesilea endlich zurückkehrt, kommt alles anders als gedacht, suggeriert uns das Programm. Aha? Was soll denn passieren?

Die Szenerie beginnt mit der Präsentation der kämpferischen Amazonen. Sie üben sich in Charisma durch Frauenpower, durch Exerzitien in Waffenkunde und Körperertüchtigung – auch unter der rigiden Herrschaft ihrer Ersatz-Königin Hippolyte, denn die Parole lautet: Alle Macht den Frauen! Aber bröckelt da nicht schon ein wenig die Ideologie des ‚anderen Geschlechts‘ bei ersten, sichtbaren Weiber-Zickereien? Oh doch, und diese steigern sich enorm nach der Rückkehr von Penthesilea: Man kann nicht gleichzeitig mannstoll und amazonenhaft sein. Sie warten, sie warten fast verzweifelt auf ‚den Mann‘, sich selbst vorgaukelnd, dass sie ‚ihn‘ als Samenspender brauchen. Doch das ganze Ambiente – eine Art Rotlichtmilieu, lasziver Tanz und Vogelgezwitscher – entlarvt ihre zur Schau getragene Haltung, führt sie ad absurdum, die Fortpflanzungstheorie. 

Und dann ist er da, ‚der Mann‘, der eine, und noch dazu in Ketten, als Kriegsbeute: Achilles! Einer für alle, alle für einen? Das Schicksal nimmt zwangsläufig seinen Lauf. Da helfen auch keine ‚beweisführenden‘ Argumente: Liebe ist nur ein chemischer Prozess; oder ein Exkurs über Heilmittel à la Liebe ist eine Krankheit. Und es kommt noch schlimmer: Penthesilea tritt als Königin zurück ob ihrer bekennenden Liebe zu Achilles, was auf Gegenseitigkeit basiert. Hinzu kommt: Der Superheld ist kriegsmüde. Und nicht nur er, auch seine beiden Begleiter Herakles und Theseus, die sich listigerweise als Amazonenanwärterinnen in die Gemeinschaft einschlichen und trotz allem versuchen, die Heldinnen zu unterwerfen: die Crême brûlée wird’s schon richten! Nur dieser ‚Zaubertrank‘ wirkt völlig anders als geplant – man verliebt sich: absurderweise Lesbiana in Hera, die sich aber als Herakles entpuppt. Die Verwirrung ist komplett, als Penthesilea letztlich ihre Liebe doch für die Krone opfern will und Hera bzw. Herakles das Machtsymbol, den Gürtel von Hippolyte, in seine Hände bringt: Liebe? Liebe ist kompliziert! Irgendwie mutieren sie alle zu betrogenen Betrügern, sich selbst oder anderen gegenüber: Liebe ist schmerzhaft! 

Doch die anscheinende Tragikomödie löst sich in Wohlgefallen auf, als alle endlich begreifen: Liebe bedeutet, schwach zu sein, selbst wenn das eine Schwachstelle sein mag: Weder Machtgehabe noch gegenseitige Gewalt bringen sie dem Ziel – dem Sinn ihres Daseins – näher. Es ist nur die Liebe jeder Couleur – nicht nur die der Anziehung zweier Menschen wie bei Herakles und Hippolyte , die sie zu Erkenntnis treibt: Liebe ist das Schönste, was es gibt! Um die Liebe lohnt es sich zu kämpfen! Liebe ist vielschichtig: Hier geht es genauso um die Gleichberechtigung der Geschlechter – in all ihren Schattierungen und Verbindungen – wie um die Liebe zum jeweiligen Nächsten, welcher Rasse oder Klasse, Tradition oder Weltanschauung er auch immer angehört. Egal, was sie ist, es erfordert Kraft, sich der Liebe zu stellen, wird am Ende allseits konstatiert. Und genau das setzen sie in Pose: die Amazonen, sie haben Kraft, Kraft, zu lieben nach sinnlosem Krieg mit den Trojanern und fast schlammschlachtartigen Argumentierereien untereinander! Und?! Was ihnen möglich, sollte uns selbstverständlich sein: Frieden für immer! Aber das war keine Forderung der Amazonen, das war die aus Euripides‘ Orest

Somit sind wir bei der Gestaltung des Dramas, die streng dem griechischen Theater und seinen Regeln folgt, mit Prolog und Epilog, einer linear folgenden Handlungsstruktur dazwischen, samt manifestierendem Chorus und Botin, die von sonstigen Ereignissen berichtet. Die Schüler/innen des DS-Kurses hatten vermutlich lauter Aha-Erlebnisse, Form und Inhalt erarbeitend, bei dieser minutiösen Umsetzung unter der Regie von Frau Pechstein. Bravo! Auch sonst mangelte es weder an Ideen noch daran, sie in Szene zu setzen: die enorme Präsenz der Figuren durch das deutlich artikulierte Wort im Einklang mit der Tat, vor allem bei den bestens einstudierten Exerzitien; durch geschliffene Mimik und Gestik; durch passende Musik, präzise Licht- und Toneffekte, reizende Kostüme. Bemerkenswert, was dieser DS-Kurs da auf die Bühne gebracht hat. Er hat erzeugt, was zu erzeugen war: Empathie – vielleicht gar einen Sinneswandel beim Publikum – und die große Sehnsucht nach Frieden mittels Appell an die Kraft der Liebe in einer immer noch von Kriegen, von unfassbarer Armut und unsäglichen Hungersnöten erschütterten Welt, die tagtäglich unterwegs ist.

Und was sagen die Schüler/innen zu der anregenden Inszenierung? Das können Sie in unserem Blog nachlesen. Sehr interessant!

 

 

 

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