Barnimer Theaternächte – 22.-24. März

Zu zweit vereint – Unter deiner Haut und Alice im Anderland – 

eine Rezension von Maggie Werner

Menschen führen Kriege – als Völker und als Individuen. Das erleben wir mehr oder weniger hautnah. Aber der Krieg, den Menschen mit ihrem eigenen Ich führen, bleibt uns oft verborgen – es sei denn wir sind Freud- oder Jekyll-Hyde-Spezialisten: Er findet unter der Haut statt. Ein harter Tobak, den sich die beiden DS-Kurse von Frau Giebel und Frau Große hier ausgesucht haben. Nehmen wir die thematisch sehr ähnlichen Inszenierungen mal unter die Lupe: Ist es ihnen gelungen, den jeweiligen Quälgeist als solchen zu entlarven?

Der Giebel-Kurs nahm sich Amelie Nothombs Roman Cosméthique de l’ennemi zur Vorführung und war neben Kürzen und Rollenschreiben sicherlich erst mal mit dem Verständnis des Stoffes beschäftigt: Gelingt es mir, die Figur, die ich spiele, zu verstehen?, mag sich ein jeder gefragt haben: Kriege ich ihre zur Schau getragene, ‚lässige Angespanntheit‘ auf und über die Bühne? Dem kann stattgegeben werden: Die Protagonisten wussten, was sie da zum Besten gaben – inhaltlich wie formal. Nämlich die Begegnung zwischen dem Holländer Textor Texel und dem Businessman Jérôme Angust – jeweils doppelt besetzt und alternierend, gleichwertig überzeugend, auftretend – auf einem Pariser Flughaften: Das übliche – sehr schön in Szene gesetzte – Gewusel des Passagier-Angestellten-Chorus wirft den Zuschauer hinein in den detektivischen Handlungsprozess – spannend aufbereitet, das anspruchsvolle Niveau des Rahmens nie verlassend. Texel-Chapeau!

Die Story entspinnt sich – hat drei Stunden Zeit sich zu enthüllen ob des verspäteten Abfluges nach Barcelona: Angust ist ärgerlich, fühlt sich belästigt vom insistierenden Texel, der ihm unbedingt seine verkorkste Lebensgeschichte erzählen will. Doch diesem seltsamen Texel gelingt es, peu à peu, den nun verunsicherten Angust in seinen Bann zu ziehen: mit seinen Kindheitserlebnissen – er vermeint u. a. schuldig zu sein am Tod eines Klassenkameraden; mit der Erzählung von der Vergewaltigung einer Frau auf dem Montmartre-Friedhof und deren Ermordung zehn Jahre später. Angust schwant die Verknüpfung ihrer beiden Schicksale – die Ermordete ist seine Frau – und der Zuschauer ahnt die der beiden Figuren: Beide haben offensichtlich Leichen im Keller – der eine brüstet sich mit seinen Verbrechen, der andere versucht sie unbedingt zu kaschieren, vor allem vor sich selbst. Am Ende der facettenreichen Story erlangen wir Gewissheit: Angust und Texel sind ein und dieselbe Person – das gesellschaftlich geprägte Individuum kämpft mit seinem personifiziert schlechten Gewissen, für das der Boden bereitet, die Zeit reif ist: Es kann endlich lustvoll in sein Bewusstsein eindringen, um die ungesühnten Schuldgefühle ans Licht zu zerren.

Allen alles klar geworden? Zumindest schien es so bei den Protagonisten des DS-Kurses: Spielerisch dargestellt sollte werden die Überwindung des inneren – hier mörderisch-drastischen – Schweinehundes, des Feindes in mir. Man bot eine sicher hart erarbeitete, erkennbar reife Leistung – sowohl dramaturgisch-technisch als auch mimisch-gestisch – und brachte diese über die Bühne ans viel Beifall klatschende Publikum. Noch was, bitte? Ja, keine leichte Kost, vielleicht nicht für jedes Schüler-Gemüt ohne Weiteres zu verkraften? Sie ist mir sehr wohl unter die Haut gegangen.

Wer bin ich – Und wenn ja, wie viele?, fragten sich wohl auch die Protagonisten des Große-DS-Kurses. Sie hatten sich durchgeschlagen – vermutlich – von der Alice im Wunderland von 1865 zu der Alice im Anderland rund 150 Jahre später, bevor sie ihre Version auf die Bühne brachten – angesiedelt in der skurril-dunklen Welt einer Nervenheilanstalt. Ich bin nicht verrückt – meine Realität ist nur eine andere, so oder so ähnlich lässt sich der tägliche Wahnsinn beschreiben, den die Mitspieler erleben.

Alice, deren Eltern bei einem Brand ums Leben kamen, ist die persönlichkeits-gestörte Patientin Nr. 263, immer begleitet von ihrer imaginären Grinsekatze. Die Dualität zwischen dem Menschen und seinem personifiziert inneren Feind – wir haben hier obendrein eine dunkle und eine helle Alice samt jeweiligem Kopf-Anhängsel – schwingt sich facettenreich zu neuen Ufern auf: In Alice‘ verrückter Wahrnehmung werden die klassischen Wunderlandbewohner – das stets gehetzte Kaninchen, die langsame Raupe, der teetrinkende Hutmacher, die klatschsüchtige Köchin, die Herzogin oder die Herzkönigin samt Herzbube und Hofstaat – zu angst-hervorrufenden und -treibenden Zerrbildern in ihrem schmerzvollen, unbewältigten Trauma. Aber nicht nur sie ist traumatisiert, sondern jeder der Insassen schleppt mindestens eins mit sich umher, sei es irgendeine Sucht oder ein schreckliches Kriegstrauma, eine irrationale Kindstötung oder schlicht eine Paranoia – der finstere, schulmedizin-endliche Himmel unserer postfaktisch-emotionalen Gesellschaft ist über sie hereingebrochen: Die Wunderland-Teegesellschaft wird zur unbeholfenen Anderland-Gruppenthearapie. Die sich äußerst bedroht fühlende Alice sieht nur einen Ausweg: ein Freiheitskampf, bei dem alle Mittel recht sind – das ängstliche Kaninchen wird zum Kollateralschaden erklärt, als Plan A scheitert. Der Zweck heiligt die Mittel? Man kann sich nicht einigen; Bedenken werden angemeldet: Werden aus traumatisierten Opfern dann nicht skrupellose Täter? Doch die böse Alice übernimmt den düsteren Laden, Zug um Zug, bis alle Schachmatt sind. Plan B: Sie legt einen alles verheerenden Brand – die entflammte Revolution frisst nicht nur ihre Kinder.

Es war ein starker Tobak für die Seelen eines 12er DS-Kurses – ein durch und durch anspruchsvoller Stoff! Vielleicht zu stark? Selbst wenn Kostüm, Maske und Musik brillierten, so war er vielleicht schon nicht so geeignet in seiner Ursprungsfassung, um den Zuschauern die Komplexität des Sujets entsprechend zu vermitteln?! Aber lassen wir die Kirche im Dorf, also die fleißigen Protagonisten auf der Schulbühne. Auf alle Fälle war es ein lehr- und lernreicher Abend, mit großem Engagement nicht nur der Künstler, sondern auch der Techniker, des Caféteria- und des Hausmeister-Teams und last but not least der Schulleitung.

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