Barnimer Theaternächte – 15.-17. März 2017

Zwei Stücke – Wo das Geld sitzt und Dagegen – eine Rezension von Maggie Werner

Der Schlaf hat uns zwar manchmal gefehlt, aber die Freude am Spielen und der Spaß an der gemeinsamen Arbeit gingen nie verloren. Der Kurs hat uns Raum geboten, um kreativ zu sein und unseren Ideen freien Lauf zu lassen. Wir konnten voneinander lernen und miteinander wachsen. So wurde aus einer kleinen Gruppe von Schülern ein unschlagbares Team, was jedermann im Programmheft des 12er DS-Kurses von Frau Pechstein nachlesen kann. Und das dürfte ebenso zutreffen auf den von Frau Zschunke – so unterschiedlich die Thematik auch ist: Ihre Szenerien kamen auf und über die Bühne!

Der Pechstein-DS-Kurs ließ sich von dem Schwarzweißfilm 13 Stühle inspirieren und entwickelte eine eigene, spannungsgeladene Version: Das Leichte, was so schwer zu machen ist – zumindest für unsere deutsche Ernsthaftigkeit – hatte ihn zu dieser Inszenierung verführt. Der ohnehin von Pleite bedrohte Friseurladenbesitzer Felix Rabe erbt 13 Plastik-Ikea-Stühle – so vermeint er – welch ein Hohn obendrein! Enttäuscht von der Erbtante verscherbelt er diese an Alois Hofbauer, einen Trödler, der sie flugs verkauft – an Hinz und Kunz. Was die Beiden nicht wussten: In einem dieser stecken 100 000! Wie gewonnen, so zerronnen? Nicht doch – es gilt schlicht herauszufinden, wo das Geld sitzt. Die Jagd kann beginnen!

Auf der Suche nach dem verlorenen Schatz trifft die zweiköpfige – wunderbar à la Chaplin-Slapstick agierende – Notgemeinschaft auf das Alltagsleben, auf mehr oder weniger verrückte Leute: auf ein überzeugend sich selbstironisierendes, asiatisches und auf ein sich um des Plastikstuhls Besitz streitendes, deutsches Ehepaar; auf eine – choreographisch sehr gut umgesetzte – fast obszöne Stuhltanz-Ballettsaal-Szenerie; auf ein in falscher Schönheit stilisiertes Wachsfigurenkabinett, in dem der lebendige Mensch als hässlich betrachtet wird – ein sehr gelungenes Arrangement; auf eine falsch diagnostizierende Anfänger-Praxis-Ärztin; auf ein Malerin-Dichter-Pärchen, das sich in seiner gut herausgearbeiteten Mittelprächtigkeit sonnt; auf eine Auktion, bei der die Clientèle trefflich manipuliert wird – unter Einbeziehung der eifrig mitspielend ersteigernden 10h. Vorletztlich begab man sich in eine merkwürdige Amazon-Amazonen-Allusion – in einen komisch assoziativen Tanz um den Heiligen Stuhl – und endlich in eine noch gut sortierte und ebenso aufbereitete Altersheim-Gemeinschaft, vor der unsere prinzipalen Protagonisten letztlich zu Kreuze krochen bzw. bei der sie zwangsläufig zu edlen Spendern werden sollten: Sie nahmen es sportlich und wurden allerletztlich nicht nur erfahrungs-, sondern auch geld-reichlich belohnt durch den anfänglich – etwas untergegangenen – Fauxpas des reizend agierenden Friseurgehilfen Francois, der zu einer sensationell haar- und somit geldsprießenden Erfindung gereicht. Ende gut, alles gut – eine Win-Win-Situation – eine amüsant erzählte Story, märchenhaft-theatertauglich realisiert.

Dagegen! So lautet der Titel des zweiten Stücks. Wer ist wogegen? Die Welt ist in Aufruhr – Wir auch!, so meint offensichtlich der DS-Zschunke-Kurs – hoch politisch unterwegs – schon mit seinem modellierten Schwarzfahrer-Einstieg aus dem Off, dessen brisantem Tenor es sich zu widersetzen gilt: Wer hier von unseren Steuern lebt, könnte sich wenigstens anpassen. Als ob es so schwierig wäre, sich anzupassen. Unhöfliches Pack. Warum kommen die überhaupt alle hierher? Merken die nicht, dass die unerwünscht sind? Wir brauchen keine Wirtschaftsflüchtlinge, die uns nur unser Geld wegnehmen. Und wenn die arbeiten, dann auch noch schwarz. Kann ja niemand kontrollieren, wo die alle doch so gleich aussehen. Früher wäre uns so etwas nicht passiert. Da hatten wir das noch unter Kontrolle. Als ob die Türken nicht genug wären. Kommen jetzt noch die ganzen Albaner und halb Asien zu uns. Die vermehren sich ja wie die Karnickel! Unterwandert sind wir. Unterwandert. Lässt man einen rein, kommen sie alle.

Und da hockt sie, die deutsch-nationale Quasi-Plebs, im ärztlichen Wartezimmer oder am deutschen Stammtisch, umzingelt von Millionen von Feinden, von Schlitzaugen und Kopftüchern bzw. feiernd mafiösen Kalinka-Russen im eigenen Land. Wo bleibt denn da die deutsche Leitkultur? Wir sind das Volk: Deutschland den Deutschen! Weg mit der Lügenpresse, die unser blond-blauäugiges deutsches Volk verleumdet! Und hinein in den Kampf um deutsche Ordnung und Pünktlichkeit, um deutsche Disziplin und Arbeitsbereitschaft: Wir gründen eine Partei, wir müssen! Die Dagegen Partei - für Deutschland (DGP) – mit Schnitzeln für alle Deutschen. Jawoll! Mit Adam und Eva, anstatt mit Adam und Peter respektive mit Eva und Maria samt ihrer Regenbogen-Brut. Jawoll! Burka versus Herd. Jawoll! Wir wollen doch mal sehen, wer mehr Nachwuchs auf die Reihe kriegt. Wir erklären einer paradoxe[n] Situation den Krieg: Der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp trifft auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp. Diese Erkenntnis, liebe Freunde, ruft nach einer grundsätzlichen Neuausrichtung der Asyl- und Einwanderungspolitik Deutschlands und Europas. Ohne Grenzen keine Form! Das Boot ist voll! Jawoll!

Unter Verwendung vieler Originaltexte aus ernst gemeinten Partei-Programmen und  -Reden, aus Film- und Videoclips entwickelt die Zschunke-DS-Truppe absolut überzeugend ihre Polit-Satire, die sich forciert in Wahl-Werbungen für ihre Partei, die DGP, und die sich misst mit den anderen Volksparteien – faselnd von Obergrenze und Flüchtlingslagern in den Herkunftsländern oder die Problematik mehr oder weniger verdrängend. Auch real-satirische Diskussionen (vgl. Dresden: Sie verstehen mich nicht) werden geschickt mit einbezogen. Die Persiflage auf Volk und Vaterland, auf Öko und Klima gipfelt in: Wir [die DGP] packen das Problem an der Wurzel! Doch am Ende des Stückes werden die Karten aufgedeckt – vom wahrlich bühnenpräsenten Multi-Kulti-DS-Kurs: Sapere aude! Erwache Deutschland! Zeig Kante!, und das gerade in unserem postfaktischen Zeitalter. Der aus dem Dunkel-Deutschland-Denken befreiende Appell eines Jan Böhmermann trifft hier wie die Faust aufs Auge: Erinnert euch an den 9. November […] Ihr seid nicht das Volk, ihr seid die Vergangenheit/ Die wahren Deutschen kommen, haut besser ab! […] Wir sind stolz aufs Nicht-Stolzsein!/ Die menschliche Würde ist unantastbar […] WIR sind Deutschland! Nicht ihr! Wir!

Bravo! Ein Applaus für alle Beteiligten – die Schauspieler und Techniker, für die Regisseurinnen und die komplette Entourage – des zum ersten amüsant-kritischen und zum zweiten politisch-aufrüttelnden Theaterabends. Was bleibt? Wir sollten uns nun mit der Frage auseinandersetzen – Was wäre, wenn die Haifische Menschen wären? – oder darüber reflektieren, was wäre, wenn die Menschen Haifische wären!

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