Theater 2016

Auftakt zu den Barnimer Theaternächten, vom 26. bis 28. Januar 2016, in der Aula

Eine Rezension von Maggie Werner

Von einem, der auszog….

lautet der unvollendete Titel der neuen Inszenierung am Barnim-Gymnasium – und er ist Programm: der Mensch ist auf der Suche nach sich selbst. Gefangen in der Welt der Alltagszwänge sucht er – eher unfreiwillig und unbewusst – sein Heil in einer Fantasiewelt.

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Es ist vor allem die Geschichte eines Geschäftsmannes, der aus der Wirklichkeit fällt und in die Wahrhaftigkeit des Märchens gerät. Doch er ist nicht allein: da sind die suizidgefährdete Drogenabhängige, die minderjährig Schwangere und das seelisch vernachlässigte Kind. Sie sind sich fremd, aber sie fügen sich zu einer Gruppe von aus der Gesellschaft Verstoßenen. Sie werden von einem personifizierten Schicksal gelenkt – an die Grenze zwischen Realität und Fiktion, auf einen verwahrlosten Rummelplatz. Die Achterbahn der taumelnden Gefühle ist unvermeidlich. Auf der einen Seite machen sich die Geister der Vergangenheit breit: das Teuflische der Abhängigkeiten, die Schatten der Einsamkeit, das Chaos der Zerrissenheit. Auf der anderen Seite leben die fixierten Märchenfiguren auf: die Schneewittchenzwerge, das unbeachtete Aschenputtel und das hysterische Rumpelstilzchen, die böse Königin und die reizende Prinzessin, das naive Rotkäppchen und der verführerische Wolf; allen voran die kluge Frau Holle samt Apfelreifeproblematik und Hans im Glück, der Weltfremde par excellence. Die Vermischung der Geisterwelten mit denen der Realität vollzieht sich unausweichlich und offenbar haben alle Figuren etwas gemeinsam: sie sind gefangen in sich, in ihrer Wertevorstellung beziehungsweise Wertebedeutung, in oktroyierten Rollenspielen. Jede sehnt sich nach einem Ausweg aus dem Dilemma: Wer bin ich? Wie werde ich gesehen? Was macht mich aus? Was brauche ich eigentlich wozu?

Die prinzipalen Antagonisten treffen aufeinander: ausgepowerter Geschäftsmann contra Hans, dem Träumer. Eine Werteverschiebung offeriert sich symbolisch: Die Aktentasche ist für den Einen Träger von Wertpapieren, bestimmt für materielle Wünsche. Für den Anderen ist sie Behältnis für reale Schätze wie Blumen, Kräuter oder Stöcke, die eher dem Seelenheil dienen. Die Jagd nach Besitz ist beiden gemein – er ist überlebenswichtig. Nur die Motivationen sind unterschiedlich. Aber letztlich stecken beide in ein und derselben Misere: sie sind Insassen ihrer Welten. Sie wollen raus und irren umher auf der Suche nach Menschlichkeit, nach einer Welt, in der jeder eine Chance hat, sein Image loszuwerden oder seine Probleme zu lösen.  

Die weise Frau Holle wird zur Schlüsselfigur für alle problembehafteten Figuren, die fiktiven wie die realen. Ihr aufgeschlagenes Märchenbuch trägt die Lösung in sich: Man muss sich nur erinnern, bewusst lesen und interpretieren, ob als Kind oder als Erwachsener, als Naiver oder als Wissender. Der Weg aus der Verblendung oder der Verzweiflung, aus der Erkrankung an Körper oder Seele, zurück in eine lebenswerte Alltagswelt ist darin enthalten. Die Welt der Wahrheit im Märchen und die in der Wirklichkeit sind sich so ähnlich, stellen die aus ihrer Achterbahnfahrt Erwachten nunmehr fest. Sie können fast alle ihrem Debakel entfliehen, weil sie nun erfahren haben, was es bedeutet: Es war einmal!

Den verbliebenen Protagonisten der beiden DS-Kurse von Katrin Giebel ist es schlussendlich gelungen, aus zwei thematisch unterschiedlichen Stücken eine runde Sache werden zu lassen. Selbst wenn sie, bedingt durch widrige Umstände, zu einer verspäteten Aufführung kam. Aus der guten Darstellung der gesamten Truppe herausragend zeigten sich die Leistungen von Jan Heilmann, Max Schneider und Josie Kelpin. Hervorzuheben sind auch die perfekten Figuren-Standbilder, die Auswahl der folk- und minimal-assoziierenden Musik, ebenso die Arbeit der Technik, die eine fantastisch verfremdete Atmosphäre kreierten. Den zahlreichen Zuschauern präsentierten sich eine große Spielfreude aller Schauspieler und eine bemerkenswerte Umsetzung durch die Spielleiterin, die die Spannung bis zum Schluss erhalten konnten. Ein amüsanter und gleichzeitig zum Nachdenken anregender Abend! 

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